Anbetung – eine heilende Beziehung

Wir sind gerufen zu einer Beziehung, die das Menschliche übersteigt. Wir sind im wahrsten Sinne vorherbestimmt für das Zusammensein mit dem, der unser Ursprung und Ziel ist: mit Gott, der uns geschaffen hat. Alles in uns ist darauf angelegt, Beziehung und Gemeinschaft mit dem Dreifaltigen Gott einzugehen. Wir, als ganze Menschen mit Leib und Seele, sind befähigt, Gott zu erkennen und zu empfangen; dieses nennt die Kirche die „Gottfähigkeit“ des Menschen. Sie sagt sogar, dass die Beziehung mit Gott die erste und wichtigste Beziehung des Menschen ist.

Sie ist so fundamental und wesentlich, dass ihm etwas Existentielles fehlt, wenn er nicht in Beziehung mit Gott lebt. Es ist so, als fehle in der Mitte des Selbst etwas. Man kann es vielleicht eine existentielle Einsamkeit nennen, ein existentielles Alleinsein des Menschen, wenn er von Gott getrennt ist[1].

Dieses ist nicht nur eine abstrakte Idee, sondern der Mensch kann es fühlen und erleiden, wenn er es in der Tiefe auch nicht immer benennen kann und es diffus als innere Leere, unerfüllte Suche nach Sinn, als Nicht-satt-werden an der Welt, als Schwere des Seins oder nur als tiefe, unbestimmte Sehnsucht erlebt. Die Fähigkeit, mit Gott Gemeinschaft zu leben, liegt oft lange Zeiten unseres Lebens brach, und manchmal sind es erst intensive Augenblicke von Schönheit, Natur, Liebe oder auch des Leidens, die uns für das Transzendente öffnen[2].

Die Gemeinschaft und Freundschaften, die wir leben sind sehr gut und hilfreich, aber sie reichen nicht an die tiefste Tiefe unserer Sehnsucht heran. Gerade auch, wenn wir in Situationen sind, in denen wir leiden und verlassen sind, wird es besonders spürbar, dass sie nicht bis zu der Ebene reichen, wo der Mensch „von den Gründen seines Daseins her“[3] verlassen ist, wie es der große katholische Theologe Romano Guardini formuliert. Der Mensch bleibt letztlich auf sich selbst zurückgeworfen. Hier brauchen wir Erlösung.

„Sehr verlassen ist der Mensch. Verlassen von den Gründen seines Daseins her. Nicht deshalb, weil es zu wenig tüchtige oder gewissenhafte Leute gäbe, die sich um die anderen kümmern; die könnten die Verlassenheit innerhalb des Daseins überwinden. Was hier gemeint wird, kommt tiefer her. Das Dasein selbst ist ‚verlassen‘, weil es ist, wie es ist; von Gott abgeglitten, ins Leere sinkend. An diese Verlassenheit reicht keine menschliche Hand. Sie überwinden kann nur Christus.“[4]

An diese existentiellen Ebene berührt uns Christus. Erlösung können wir nur von Ihm empfangen. Die Seele streckt sich nach Jesus Christus aus, selbst wenn wir ihn nicht kennen. Oder selbst wenn wir, aus welchen Gründen auch immer (Stichwort „krankmachende Gottesbilder“) völlig falsche Vorstellungen von ihm haben.

Doch unsere Seele weiß, dass es uns auf allen Ebenen gut tun wird, diesen Jesus kennenzulernen, der die menschgewordene Liebe ist, und der uns in der Kraft des Heiligen Geistes zum Vater führt. Wie gut es für uns ist, den wahren Gott anzubeten und die Zärtlichkeit des wahren Gottes kennenzulernen, der nur Liebe ist und auf uns wartet. Noch mehr, der alles tut, um unser Herz für ihn zu öffnen, damit wir beginnen, mit ihm Gemeinschaft zu leben. Mit einem Gott, der sich seinem geliebten Geschöpf zuneigt wie ein Vater, der sich zu seinem kleinen Kind niederbeugt, um ihm zuzuhören und zu helfen.

Die Liebe der Heiligsten Dreifaltigkeit ist nicht abstrakt. Sie ist konkret und sie wendet sich fassbar und erfahrbar jedem einzelnen Menschen zu. Die Beziehung, die der Dreifaltige Gott mit seinen Geschöpfen eingehen will, ist real, tatsächliche Wirklichkeit. Von Jesus lernen wir, wie sie aussieht. Er lehrt uns in der Bibel:

„Wie du, Vater in mir bist, und ich in dir bin, so sollen auch sie in uns sein … ich in ihnen und du in mir.“ (Joh 17, 21.23)

„Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. … Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ (Joh 15, 1.5)

Ich in Ihm und Er in mir. Dieses ist ein geistiges, gnadenhaftes Geschehen. Dieses durchbricht die existentielle Einsamkeit des Menschen. Jesus Christus, der Sohn, hat es erwirkt. Er hat uns in der Kraft des Heiligen Geistes durch seinen Tod am Kreuz mit dem Vater versöhnt. Sein Opfer hat uns diese Gemeinschaft mit Gott wieder neu ermöglicht. Jesus hat die tiefste Verlorenheit des Menschen, die dem Leben ohne Gott anhaftet, überwunden und er reicht uns die Hand. Ich in Ihm und Er in mir. Liebe, Freude, Wahrheit. Ewige tiefste Erfüllung.

In dieser Gemeinschaft mit Gott wird mein Herz ein anbetendes Herz. Denn wer geht da eine Beziehung miteinander ein? Eine Beziehung gestaltet sich vom Charakter und Wesen der Beteiligten her. Wir empfangen Gott, der Liebe ist, in uns hinein, und gleichzeitig wissen wir innerlich, dass wir es mit jemandem zu tun haben, der unendlich größer ist als wir. Im Licht der Gnade weiß die Seele, ohne zu wissen warum sie es weiß, wer es ist, der sie hier mit seiner Liebe umarmt. Es ist eine Liebe nicht von gleich zu gleich, wie wir sie in aller Unvollkommenheit unter Menschen kennen, sondern von uns aus ist es die Liebe des Geschöpfes zu ihrem allmächtigen Schöpfer und Erlöser, Liebe durchtränkt von Anbetung und Anbetung durchtränkt von Liebe.

Wir empfangen Liebe über Liebe. Unser Anbeten ist wie eine spontane, natürliche Reaktion der Mächtigkeit dieser Liebe gegenüber, sie ist ein „Zurücklieben“. Hier erahnt die Seele, ohne die Tiefe und Größe des Geschehens nur annähernd fassen zu können, dass sie an ihrem existentiellen Ursprung und Ziel angekommen ist.

Wie viele habe schon das berühmte Wort des heiligen Kirchenlehrers Augustinus nachempfinden dürfen, das am Anfang seiner geistigen Biographie, der ‚Bekenntnisse‘, steht:

„Geschaffen hast du uns auf Dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“.

Die Kirche erklärt uns im Katechismus dieses Geschehen in nüchterner theologischer Sprache:

„Das letzte Ziel der ganzen göttlichen Ökonomie ist die Aufnahme der Geschöpfe in die vollständige Vereinigung mit der glückseligen Trinität (vgl. Joh 17, 21-23). Aber schon jetzt sind wir dazu berufen, eine Wohnstätte der heiligsten Dreifaltigkeit zu sein. Der Herr sagt: ‚Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen‘ (Joh 14, 23).“[5]

Ich denke, es ist nicht zu viel zu sagen, dass dieses grundsätzliche Durchbrechen der existentiellen Einsamkeit durch die Beziehung mit Gott schon als ein heilendes Geschehen bezeichnet werden kann; als eine Heilung, die jeder Mensch benötigt, der fern von Gott lebt und der noch nicht die Liebe des Dreifaltigen Gottes erfahren konnte. Das meint unser emeritierter Papst Benedikt XVI vielleicht mit, wenn er sich nicht scheut,

„das Christentum geradezu als eine ‚therapeutische Religion‘ (zu bezeichnen ) – eine Religion des Heilens. Wenn man das in der nötigen Tiefe auffasst, ist darin der ganze Inhalt von ‚Erlösung‘ ausgedrückt.“[6]

Ja, wenn wir Jesus Christus anbeten, treten wir in eine heilende Beziehung mit dem einen und einzigen Gott ein, der uns in der tiefsten Tiefe unserer Existenz berührt, erlöst und heilt.

[1]vgl. Coe, John H.; Hall, Todd W.: Psychology in the Spirit: Contours of a Transformational Psychology. Downers Grove/Illinois, 2010, S. 264

[2] vgl. Coe, John H.; Hall, Todd W.: Psychology in the Spirit: Contours of a Transformational Psychology. Downers Grove/Illinois, 2010, S. 264

[3] Guardini, Romano: Der Herr. Leipzig, 1957, S. 188

[4] Guardini, Romano: Der Herr. Leipzig, 1957, S. 188

[5] Katechismus der Katholischen Kirche, Absatz 260

[6] Papst Benedikt XVI: Jesus von Nazareth. Bd. 1, Freiburg i. Br., 2007, S. 212f

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