Es war der entscheidende Moment. Paul Carris sah Judith Toppin, seine Arbeitskollegin, auf dem Boden sitzen, ihren Namen kannte er als neuer Mitarbeiter noch gar nicht. Es herrschte Panik am 11. September 2001 im Nordturm des World Trade Centers, gerade war der massive Einschlag passiert und das Büro im 71. Stockwerk im Nordturm begann in dieser Höhe hin und her zu schwanken, Bücher fielen aus dem Regal, Gegenstände auf den Boden. Pauls Kollegen waren orientierungslos wie er, keiner wusste, was los war. Sie sahen durch die Fenster, wie Trümmer in die Tiefe fielen.

Atemberaubender Blick vom Observationdeck des Nordturms der Twin Towers auf das Empire State Building in New York (Foto: tomasmartinez@unsplash.com)
Einige begannen hektisch, von ihren Schreibtischtelefonen Notrufe abzusetzen, die ersten liefen schon Richtung Treppenhaus, denn schnell war klar geworden, dass die Aufzüge nicht mehr funktionierten. 10 Stockwerke über ihnen waren die entscheidenden Leitungen weggerissen, die schnell entstandenen Brände taten das übrige.
Doch Judith konnte nicht weiter. Sie saß an der Treppe, voller Panik, umringt von ratlosen Kollegen. Sie war sehr übergewichtig und schaffte es nicht allein weiter, vor allem schaffte sie es nicht mehr, die Treppe hinunterzugehen. Paul sah sie, er entschied in diesem Moment: „Geht, ich helfe ihr herunter!“ Er packte Judith unter den Arm und versuchte sie zu beruhigen. Der lange, sehr langsame Abstieg begann, 71 Stockwerke lagen vor ihnen.
Am Morgen noch war Paul in der Messe gewesen, wie er es sich angewöhnt hatte mehrmals in der Woche vor seiner Arbeit im World Trade Center. Was bedeutete ihm der Glaube? Er hätte es nicht sagen können, waren seine Kirchgänge doch mehr Gewohnheit und Pflichterfüllung.
Doch hier, im Angesicht der Gefahr und existentiellen Not bekam Gott für ihn eine ganz andere Bedeutung. Dieses Ereignis wurde für ihn lebensverändernd. Judith begann, laut zu beten, und auch er begann zu beten, und so stiegen sie langsam abwärts, betend, langsam, Stufe für Stufe.
In dem Chaos registrieren sie kaum den Krach des zweiten Einschlags im benachbarten Südturm, nur fast 20 Minuten später nach dem Angriff auf den Nordturm. Vor und hinter ihnen drängten Menschen, die hinunter wollten. Er und Judith nahmen jedoch mit ihrer Breite die ganze Treppe ein, so ließen sie überall, wo es möglich war, die anderen vorbei. Es war dunkel und roch nach Benzin.
Doch Paul und Judith wussten immer noch nichts vom Ausmaß der Katastrophe, genausowenig wie die anderen im Gedränge des Treppenhauses, sie ahnten nichts von der direkten Todesgefahr, in der sie alle schwebten. „Nicht gut“, war das einzige, was Paul dachte, „nichts wie raus hier, irgendwie müssen wir es nach unten schaffen“.
Über die Hälfte der Stockwerke hatten sie schon hinter sich gelassen. Wie ein Hurrikan stieß plötzlich Wind durch das Treppenhaus, verbunden mit tiefem, grollenden Geräusch. Das war der Einsturz des Südturms.
Endlich kamen sie unten in der Lobby an, inzwischen war keiner mehr hinter ihnen, sie hatten alle vorbei gelassen. Sie sahen kaum etwas, alles war in gelblichen Dunst gehüllt, der Boden übersät mit dem Glas der kathedralenförmigen, riesigen Lobbyfenster, die durch den Druck beim Einsturz des Südturms zerborsten waren, alles war bedeckt mit einer zentimeterdicken, weiß-grauen Staubschicht. Paul und Judith waren unter den allerletzten, die aus dem Nordturm herauskamen.

Blick in die Lobby des Nordturmes, im Vordergrund stand die ebenfalls zerstörte monumentale Skulptur des deutschen Bildhauer Fritz König, „The Sphere“ (Foto: Gavin-allan-wood@unsplash.com)
Ein Blick zurück, wenig entfernt in der Vesey Street, und Paul sah den Nordturm kollabieren, aus dem sie gerade entkommen waren, riesige grau-weiße Wolken aus Staub, Trümmer und Schutt bildeten sich und überkamen die Menschen. Inmitten der geschockten und in Panik weglaufenden Menschenmenge schrie ihnen jemand zu: „Rennt, rennt!“ Doch Judith konnte nach wie vor nicht rennen.
Doch gerade, als sie um eine Straßenecke gebogen waren, rauschte die riesige, grauweiße Trümmerwolke wie ein Zug an ihnen vorbei. Es war ein weiteres Wunder, dass sie nicht noch von dieser erfasst wurden, was auch den Tod, zumindest schwere Verletzungen, bedeutet hätte. Doch Paul und Judith hatten es geschafft. Sie gehören zu den vielen Überlebenden des 11. September 2001.

Eine Tragödie unermesslichen Ausmaßes, der Einsturz beider Türme (Foto: dfile-202108vf@conversat.com)
Als ich die Erzählung von Paul hörte, berührte es mich sehr. In der Stunde der Entscheidung hatte er einen Unterschied gemacht. Er ist nicht an Judith vorbei gegangen, sondern half ihr. Er blieb als einziger bei ihr, die nicht schnell laufen konnte, als alle vorüber gingen und rannten, um sich selbst zu retten.
Mir fiel besonders das kleine, aber meines Erachtens nicht unwichtige Detail auf, dass er morgens noch vor der Arbeit zur Kommunion gegangen war. Und ich fragte mich: War es nicht doch auch die Gnade der Kommunion gewesen, die Paul den inneren Impuls und die Kraft gegeben hatte, bei Judith zu bleiben in dieser extremen Situation? Wenngleich er vor 9/11 ein Leben lebte, „auf das er nicht stolz war“, wie er es selbst bezeichnet. Doch glauben wir als Katholiken an die immensen Gnaden, die uns unverdient durch das Sakrament der Eucharistie geschenkt werden.
Die Ereignisse des 11. September 2001 änderten schließlich das Leben von Paul grundlegend. Er entschied sich für einen geistlichen Weg und ist heute geweihter Diakon. Zwischen ihm und Judith entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Judith nennt Paul bis heute ihren „Engel“, der ihr das Leben gerettet habe. Doch Paul widerspricht. Er sei kein Engel und er habe „eine Seele zu retten“, nämlich die seine, das habe Judith getan. Sie habe ihn gerettet, wenn auch auf ganz andere Weise.
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VERWEISE
(1) Das ganze Zeugnis, und noch weitere, sind zu hören und anzuschauen unter: https://youtu.be/JuyGX14R2Io?is=TSlhYnznDieOwEy-, https://youtube.com/watch?v=eygcRnPow0, https://youtube.com/watch?v=JuyGx14R2lo, abgerufen jeweils am 19.9.2026
Titelbild: In-memory-of-yan-ji@unsplash.com



