Archiv der Kategorie: Über die heilige Eucharistie

Der Christus-in-uns bewirkt Liebe und Heilung

„Eines Tages“, so berichtet Kardinal Nguyen van Thuan aus seiner Zeit im Gefängnis, in dem er 13 Jahre unter dem vietnamesischen, kommunistischen Regime inhaftiert war, „fragte mich der Gefängniswärter: ‚Lieben Sie uns?‘ – ‚Ja, ich liebe euch.‘ – ‚Aber wir haben Sie so viele Jahre im Gefängnis gehalten ohne Prozess, ohne Verurteilung, und Sie lieben uns? Das ist unmöglich, das kann doch nicht wahr sein!‘ – ‚Ich bin viele Jahre bei Ihnen gewesen, Sie haben es gesehen, es ist wahr.‘ – ‚Wenn Sie in Freiheit sein werden, schicken Sie dann nicht Ihre Anhänger, um unsere Häuser niederzubrennen und unsere Angehörigen umzubringen?‘ – ‚Nein, auch wenn ihr mich umbringen wollt, liebe ich euch.‘ – ‚Aber warum?‘ – ‚Weil Jesus mich gelehrt hat, alle zu lieben, auch die Feinde. Wenn ich es nicht tue, bin ich nicht mehr würdig, Christ genannt zu werden.‘ – ‚Das ist wirklich sehr schön, aber schwer zu verstehen.'“ [1]

Bischof Nguyen van Thuan im Gefängnis (gemalt, Bildnachweis: https://worldmissionmagazine.com/archives/march-2018/francis-van-thuan-hero-faith)

Kardinal Ngyun van Thuan war damals noch Bischof von Saigon in Vietnam, heute Ho-Chi-Min-Stadt. Er gibt ein Zeugnis davon, wie weit die Lehre Jesu in seinem Leben lebendig wurde, wie sehr sie in seinem Leben „Fleisch geworden“ ist. Er lebte eine Liebe, die für uns aus eigener Kraft nicht möglich ist. Er lebte das, was er an anderer Stelle beschreibt:

„Jesus handelt immer aus Liebe. Aus dem feurigen Innern der Heiligsten Dreifaltigkeit hat er eine große, unendliche, göttliche Liebe zu uns gebracht, eine Liebe, die – wie die Väter sagen – bis zur Unvernunft reicht und unsere menschlichen Maßstäbe in Schwierigkeiten bringt“ [2].

Doch wie kommen wir zu einer solchen Liebe, die unsere menschlichen Maßstäbe in Schwierigkeiten bringt? Wie kommen wir dazu, so etwas überhaupt zu wollen? Etwas, das wir aus uns heraus, auch beim besten Willen, gar nicht können?

Der bekannte katholische Theologe Romano Guardini gibt darauf eine Antwort. Es ist der Christus-in-uns, der „innewohnende Christus“ [3], aus dem heraus wir so handeln. Aus ihm heraus können wir erst solches wollen und leben.

Denn aus diesem In-uns-sein heraus wirkt Christus. Von hierher kommt die Liebe. Von hierher kommt die Kraft, die Liebe zu leben. Von hierher kommt sogar das veränderte Wollen. Jetzt erst beginnt, so Guardini weiter,

„die Umwertung der Maßstäbe, die Umwandlung des Herzens, der Umbau des Denkens.“ [4] 

Kardinal Nguyen van Thuan gibt uns ein Zeugnis dafür, welche Liebe mit Christus möglich ist. Und gleichzeitig wissend, dass es nichts ist, wessen sich jemand rühmen könnte (vgl. 2 Kor 11,18), denn wenn solches da ist, ist es von Gott [5].

Christus in uns – das ist erstaunlich. Denn nach unserem Glauben ist Christus wirklich in uns. Nicht nur symbolisch. Nicht nur in unserer Vorstellungskraft. Er ist wirklich, als ganzer Christus, mit Leib und Blut in uns gegenwärtig. So empfangen wir ihn in der Kommunion.

Dass Christus wirklich in uns ist, ist tatsächlich schwer vorstellbar und übersteigt ebenso unsere menschlichen Maßstäbe. Nicht ohne Grund zeigt schon die Bibel, dass dieses Ungeheuerliche, als Jesus die Eucharistie ankündigt, den Großteil seiner Jünger in die Flucht schlägt (vgl. Joh 6,54-70). Doch eines konnten die Jünger noch nicht wissen, und Jesus in Karfanaum deutet es bei seiner Ankündigung der Eucharistie nur an [6].

Denn bezüglich seines Innewohnens sprach der Herr von seinem auferstandenen und verklärten Leib, gewirkt durch den Heiligen Geist. Romano Guardini schreibt dazu:

„Der Heilige Geist hat im Menschen eine Offenheit aufgetan, einen Innenraum geschaffen, in welchen der verwandelte Herr eintreten konnte. Nun ist Er in uns, und wir in Ihm – im Heiligen Geiste.“[7]

Und weiter: Der verwandelte Herr ist der

„verklärte, vergeistigte und gleichzeitig leibhaftige Jesus (…) sein ganzes Wesen (ist) verwandelt, offengemacht, aus den Schranken der irdischen Körperlichkeit herausgehoben, zu reiner Wirksamkeit frei geworden. Für diesen Christus gibt es keine Schranken, auch nicht die der Person. Er kann dem glaubenden Menschen innesein.“ [8]

Der auferstandene Christus ins Bild gebracht (Bildnachweis: http://enterarena.blogspot.com/2011/07/art-stone-rolled-away-revealing-risen.html)

Aus diesem In-uns-sein heraus wirkt Christus. Von hierher kommt die Liebe. Von hierher kommt die Kraft, die Liebe zu leben. Von hierher kommt sogar das veränderte Wollen. Jetzt beginnt es, dass wir, so Guardini,

„in das Denken Christi hinein umdenken, in seine Gesinnung umsinnen, unser Leben nach seinem Bilde ändern.“[9]

An diesem Punkt kommt ebenso Heilung ins Spiel. Denn Gott sieht, dass es nicht immer böser Wille ist, wenn wir beim inneren Umbau zu mehr Liebesfähigkeit so oft nicht daran heranreichen. Er sieht voller Barmherzigkeit und Liebe unsere Unwissenheit, unsere Schwäche, die inneren Hindernisse und Blockaden, und er kennt unser Unbewusstes, das auf unser Denken, Handeln und Wollen wirkt. Er will uns helfen und ist bereit, alles zu geben, damit Christus in uns immer größer wird.

Dazu vor allem will er uns heilen. Und bedeutet das Innewohnen Christi nicht zuallererst, aus ihm heraus immer mehr lieben zu können, echt und authentisch?

So hat das innere Heilwerden ein Ziel. Es geht immer in die Richtung, dessen, was Paulus den neuen Menschen, Neuschöpfung, nennt (vgl. 2 Kor 5,17). Dieser neue Mensch ist ein Mensch der Liebe. Mit Christus in uns ist genau dieser neue Anfang geschenkt. Es ist der Anfang des neuen Menschen in uns. Als Christen ist es unser Ruf, diesen Anfang zu vollziehen, immer mehr Neuschöpfung zu leben, sogar bis dahin, dass es unsere menschlichen Maßstäbe in Schwierigkeiten bringt. Vor allem in Bezug auf die Liebe.

Der Prozess des Neuwerdens, und damit verbundene, innere Heilungsprozesse, geschehen jeweils ganz individuell. Denn die Gestalt Christi in uns will sich immer individuell ausdrücken, und so ist auch der Weg dorthin. Christus im Menschen ist, noch einmal mit Guardini gesprochen,

„in jedem einzelnen anders, nach der Weise seines Wesens: Anders im Mann als in der Frau, anders im Kind als im Erwachsenen, anders in dieser Begabung als in jener. Verschieden nach den verschiedenen Zeiten und Gelegenheiten; nach Freude oder Schmerz, Arbeit oder Menschenbegegnung. Immer aber Er.“[10]

Beim genaueren Hinsehen steht nicht nur die innere Heilung im Rahmen, den in uns gesetzten Anfang der Neuschöpfung zu vollziehen, sondern auch die körperliche Heilung. Oft wirkt Gott Heilungen, um genau diesen Anfang der Neuschöpfung in einem Menschen zu setzen.

Denn immer ist eine Heilung des Leibes in Jesu Namen mit einer Erfahrung der Liebe Gottes verbunden. Wie oft ist es für denjenigen eine Offenbarung, dass Christus der Herr ist; eine Offenbarung, die zu einer Entscheidung ruft. Oder aber durch ein solches besonderes Ereignis der Gnade wird schon vorhandener aber schwach gewordener Glaube neu entflammt und bringt neu auf den Weg.

Wir glauben, dass es in dieser Zeit eines besonderen Wirken des Heiligen Geistes und besonderer Zeugnisse bedarf, um den Leib Christi aufzubauen, sei es durch heroisch gelebte Liebe wie bei Kardinal Nguyen van Thuan, sei es durch Heilungen, geistig, psychisch und leiblich, oder andere Ereignisse der Gnade. Bitten wir den Herrn um das Allerwesentlichste, das all diesem vorausgeht: Dass Christus in uns groß werde.

 

Verweise und Quellen

Alle Bilder, außer denen mit Bildnachweis, sind urheberrechtlich frei.

[1] Kardinal Nguyên Van Thuán, François-Xavier: Hoffnung, die uns trägt: die Exerzitien des Papstes. Freiburg i.Brsg., Basel, Wien, 2001, S. 76

[2] Kardinal Nguyên Van Thuán, François-Xavier: Hoffnung, die uns trägt: die Exerzitien des Papstes. Freiburg i.Brsg., Basel, Wien, 2001, S. 28

[3] Guardini, Romano: Der Herr. Leipzig, 1957, S. 558ff

[4] Guardini, Romano: Der Herr. Leipzig, 1957, S. 531

[5] vgl. auch Guardini, Romano: Der Herr. Leipzig, 1957, S. 534

[6] Jesus Christus deutet es an mit seinem Wort bei der eucharistischen Rede in Karfanaum: „Daran nehmt ihr Anstoß? Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn aufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war? Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt nichts.“ (Joh 6, 61-68)

[7] Guardini, Romano: Der Herr. Leipzig, 1957, S. 527

[8] Guardini, Romano: Der Herr. Leipzig, 1957, S. 550, 551

[9] Guardini, Romano: Der Herr. Leipzig, 1957, S. 535

[10] vgl. Guardini, Romano: Der Herr. Leipzig, 1957, S. 554

 

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